Im Blogartikel vom 3. August hatte ich dir versprochen, dass der nächste wieder viel recherchierten Inhalt zu einem der „großen Themen“ beinhaltet. Dann hat sich „Die Blutwertlüge“ dazwischen gemogelt und nun kommt dieser hier. Auch das wird eher ein Aus-dem-Leben-einer-Tierheilpraktikerin-Artikel, als eine bahnbrechend informative Abhandlung, aber manchmal werfen sich mir die Themen vor die Füße und der Mensch, wie es so schön heißt, lebt ja auch nicht vom Brot allein. Zukünftig werde ich, was den Inhalt noch ausstehender Artikel betrifft, einfach nichts mehr versprechen. Versprochen. Los geht´s:

Im Gelassenheitsgebet (was den Verfasser betrifft, herrscht Uneinigkeit, aber die meisten tippen auf den Theologen Reinhold Niebuhr) heißt es eingangs:

„Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“

Mit der Weisheit hab ich´s ja bekanntlich noch nicht so, aber mutig bin ich. Jedenfalls mutig genug, um mich wieder mal öffentlich aufzuregen. Denn es gibt Dinge, Momente, Menschen, bei denen werde ich noch in den roten Bereich drehen, wenn ich alt und knittrig bin. Bei Futtermittelverkäufern zum Beispiel muss ich mich ganz oft ganz doll zusammennehmen. Nicht bei allen! Wer verallgemeinert, ist doof. Meistens sind diejenigen, die mich kirre machen im Direktvertrieb tätig. Da ergeben sich häufig die putzigsten Wortwechsel. Vielleicht schreib ich einfach mal ein Buch über diesen ganzen Wahnsinn, aber bis dahin hab ich hier meine Artikel für dich.

Kürzlich wurde ich zu einer Spendensammelaktion für Tiere eingeladen und bin frohen Mutes mitsamt Infostand über meine Praxisarbeit angerückt. Es war auch alles in allem ein schöner Tag. Doch wirklich. Ich habe eine neue Kollegin kennenlernen können, die im Bereich Physiotherapie für Hunde und Pferde tätig ist, und eine alteingesessene Tierheilpraktikerin aus meiner Region, deren guter Ruf ihr immer schon voraus eilt, kam an meinen Stand um sich vorzustellen und sich mal ein Bild vom „Nachwuchs“ zu machen. Meine liebe Sabine, solltest du dies lesen, es war mir eine Ehre! Ich hatte Schnack mit Kollegen, Kunden und Freunden inklusive (und damit kriegt man mich immer) Kaffee-Flat bei den Mädels am Tortentresen.

Es gibt allerdings Dinge, die sind untrennbar miteinander verknüpft. Ohne Sieb keine Nudeln, kein Schüler ohne Lehrer, ohne Mücken kein Schwedenurlaub. Sie sind meistens einfach auch da, die Mücken, und sie sind nicht bange sich zu nehmen, was sie wollen. Mit Futtermittelverkäufern im Direktvertrieb ist das oft ganz ähnlich. Sobald auf besagter Veranstaltung einer der vorbeistromernden Besucher auch nur im Ansatz den Schriftzug der Futterfirma wahrgenommen hatte, tat es, zack, einen Schritt raus in den Gang:

„Hund oder Katze? Was ist es bei Ihnen?“

Bei mir ist es in erster Linie Irritation, wenn ich dergleichen sehe, ehrlich gesagt. Ich hab da mal drauf rumgegoogelt und den Begriff „aggressive sales strategy“ zu Deutsch „aggressive Verkaufsmethode“ gefunden. Das passt ganz gut, finde ich. Ich muss bei solchen Szenen immer an den Loriot´schen Staubsaugerverkäufer denken: „Es saugt und bläst der Heinzelmann…“…naja.

Als Therapeutin mit einem Infostand in Rufweite zu eben jenen Vertrieblern aus dem Heimtierbereich stehend, dauert es meistens nicht lange und ich werde in ein „Fachgespräch“ verwickelt. Der gewünschte Ausgang dessen steht. Jedenfalls auf der Seite der Vertriebsmenschen. Nach der Thematisierung von Tierleiden X wird das Futter Y ins Spiel gebracht, um dann, die bereits zu verzeichnenden Erfolge anbringend, die zu umgarnende Therapeutin Z zur Vertragsunterschrift zu nötigen.

Wie so oft war Arthrose wieder einmal das gern genommene Thema der Wahl. Da könne man ja heute schon viel machen mit dem richtigen Futter und entsprechender Ergänzung. Auf meinen Einwand, dass man sicherlich das Fortschreiten verlangsamen, degenerative Prozesse aber nicht mehr umkehren könne, streckte mein Gegenüber entschlossen den Rücken durch und ich bekam als resolut formulierte Antwort:

„Das sehe ich anders!“

Äh hoppla…WHAT? Sorry, wenn ich das so deutlich sage, aber mein erster Gedanke war, dass da wohl viel Meinung auf wenig Ahnung trifft. Halloooho! Wenn die Dose Hunde- oder Katzenfutter in der Tierhandlung um die Ecke € 1,49 kostet und bei dem Vertriebler in der gelabelten Jacke € 2,80, definiert sich der höhere Preis doch nicht über einen qualitativ hochwertigeren Inhalt, geschweige denn den heiligen Gral der Gelenkserkrankungen. Wenn du das als Kunde wirklich noch glaubst, klingel bitte bei mir mit der Losung „Der reine Wein“ und ich schenk´ ihn dir ein. Kostenfrei und inklusive Tasse Kaffee.

Dieser Mensch steht nicht am Wochenende in seinem betriebszugehörigkeitssteigernden Outfit auf so einer Veranstaltung, weil er mit seiner Zeit nichts besseres anzufangen weiß, sondern weil er Geld dafür bekommt. Und dieses Geld steckt in den € 2,80 pro Dose. Aus die Maus. Wenn die gelabelte Jacke dann noch jemanden für´s Team akquiriert, zum Beispiel mich (ich bin als Therapeutin nämlich heiß begehrt), bekomme ich auch Geld, wenn ich das Futter verkaufe. Die Jacke auch. Und wenn ich wiederum jemanden überzeuge, dieses Produkt, äh Futter zu verscherbeln, bekommen wir schon zu dritt Geld. Verrückt. So geht das natürlich nicht nur mit Tiernahrung. Das geht auch hervorragend mit Aromaölen, Hundebetten, Putzmitteln oder Plastikdosen. Und was hat das jetzt noch mit Tiergesundheit zu tun? Ja gar nix! Und zwar von Anfang an nicht. Es ist wurscht ob Tierfutter oder Plastikdosen vertrieben werden.

Die dazugehörigen Verkäufer, so denn sie nicht auch ausgebildete Therapeuten sind,
sind lediglich auf einer betriebsinternen Produktschulung gewesen, himmelarschundzwirn.
Mehr nicht.

Deswegen wird es auch so gern gesehen, wenn wir als Tierheilpraktiker unsere Praxiskasse mit dem Verkauf von Futter ein bisschen aufpeppen. Wenn wir als Therapeuten das Zeug unter die Leute bringen, adelt es ja noch mal ein wenig das Produkt. Wobei ich dir versichern kann, dass man davon nicht reich wird, ich habe die Konditionen spaßeshalber mal recherchiert.

Natürlich gibt es Futter, das so gut ist, dass man es empfehlen kann oder von mir aus auch verkaufen. Mir persönlich würde dabei schon die Lagerung auf den Keks gehen. Ich kenne aber keine Kollegin, die blind, egal mit welchem Anbieter sie vielleicht arbeitet, die komplette Palette empfehlen kann und dann in ihrer Praxis diese eine Firma als das Nonplusultra anpreist. Denn das ist ja das erklärte Ziel. Alles ist Mist, nur dieses oder jenes Futter hält das Tier ein Leben lang gesund. Hmhm genau!

Arthrose, das möchte mein Therapeutenherz kurz der Vollständigkeit halber einmal klarstellen, definiert der Pschyrembel (klinisches Wörterbuch, welches Therapeuten häufig, Direktvertriebler eher selten im Regal stehen haben) in einem endlosen, detailreichen Text unter anderem mit: „Veränderter Chondrozytenmetabolismus (…) durch mechanischen Stress; inf. Mikrofrakturen und Erosion des degenerierten Gelenkknorpels werden Knorpelpartikel durch Druck und Reibung bei Gelenkbewegung abgeschert und führen zu schmerzhafter Synovialitis.“ Du sprichst kein Fachchinesisch? Macht nix, wir Therapeuten schon. Frei übersetzt heisst es so viel wie:

Was ab ist, ist ab und tut auch noch weh.

Und ja, ich habe auch Lieblings-Ergänzungsprodukte und bestimmt auch mal bestimmte Futtersorten für meine Patienten, die ich gern empfehle, weil ich sie gut finde, aber ich erzähle nicht, dass man damit Arthrose oder what ever heilen kann. Generell wird es mir jeder Therapeut, der auch nur einen Funken Fachwissen im Hirn hat, gleich tun und die rote Lampe anschmeißen, wenn jemand anfängt von Heilung zu sprechen. Auf Heilversprechen stehen nämlich empfindlich hohe Strafen, meine lieben Futtermittelverkäufer.

Nach dieser neusten, aber nicht ersten Grenzerfahrung der Kundenberatung im Tierfutter- / Möchtegerngesundheitssektor, war ich schon soweit meine Infostand-Laufbahn an den Nagel zu hängen und mein Marketing auf andere Wege zu konzentrieren, aber schmollen macht einsam, ist langweilig und aufgeben ist was für Feiglinge. Zudem zeigt meine bisherige Erfahrung, dass Nervlinge am Ende des Tages empfindlich auf schwere Bücher reagieren. Ich rücke also nächstes Mal auch wieder aus.

Das Feld zu räumen ist keine Option.

Wie gut, dass ich noch nicht weise genug bin, und tatsächlich daran glaube, dass ich etwas ändern kann. Zum Eskalieren hab ich mir ja diesen fluffigen Blog geschaffen…

Damit ich für die eigenen Hunde nach Veröffentlichung dieses Artikels auch noch irgendwo Futter beziehen kann, ist es nun wohl an der Zeit noch einmal darauf hinzuweisen, dass ich bereits eingangs sagte, dass meine Abneigung Futtermittelverkäufern gegenüber erstens nicht für alle gilt und zweitens die erwähnte besondere Form der Direktvertriebler das Ganze nochmal mehr eingrenzt. Und ja, auch hier gibt es natürlich Menschen, die tolle Arbeit leisten.

Ich habe also nichts gegen Futtermittelverkäufer per se. Sie sollen nur bitte nicht meinen Job machen wollen.

 

Wenn du nicht mehr weißt, wie viele verschiedene Futtermittel du schon durch hast und dein Tier hat zum Beispiel immer noch wiederkehrenden Durchfall oder what ever, sag Bescheid. Da, wo es nicht ganz so laut ist, warte ich mit meinen Kollegen auf dich mit Infos und Sachverstand. Live und in Farbe reden wir allerdings meistens nur, wenn wir auch gefragt werden, denn wir verdienen unsere Brötchen mit unserem Wissen und nicht mit dem marktschreierischen Verkauf irgendwelcher Futtermittel.

 

Lass es deinem Tier gut gehen!

 

Claudia