Hast du Tollwut auf deiner Liste der Gefahren für dich und dein Tier? Wahrscheinlich eher nicht. Dieser Artikel handelt auch gar nicht so sehr von „ob“, sondern von „wenn dann“. Los geht´s:

Ich falle heute mal gleich mit der Tür ins Haus: In der aktuellen Tollwutverordnung „TollwV 1991“ regelt § 9 die Schutzmaßregeln bei Ansteckungsverdacht: „Für Hunde und Katzen ordnet die zuständige Behörde die sofortige Tötung an, wenn anzunehmen ist, dass sie mit seuchenkranken Tieren in Berührung gekommen sind.“ Sollte es also in deiner näheren Umgebung, aus welchem Grund auch immer, einen Tollwutverdachtsfall geben und dieses Tier hatte Kontakt zu deinem, ist es völlig egal, wie weit einige Wissenschaftler mit ihren Studien bezüglich des Impfschutzes sind. Ob du bereits nach der Grundimmunisierung ein ausreichend geschütztes Tier hast oder nicht, ist dann nicht mehr die Frage. Entscheidend ist dann allein, ob du für dein Tier einen lückenlosen Impfstatus vorweisen kannst. Lückenlos heißt, dass je nach Herstellerangabe des verwendeten Tollwutimpfpräparats „korrekt“ nachgeimpft wurde. Wenn nicht, wird dein Tier einkassiert und euthanasiert. Ende der Geschichte.

Um es vorweg zu nehmen: Ich will dir mit diesem Artikel nicht sagen, dass du losgehen und dein Tier gegen Tollwut impfen sollst. Nö, deine Entscheidung.

Ich möchte dich nur fragen, hättest du´s gewusst?

Laut Robert-Koch-Institut gibt es Tollwut nach wie vor in Asien, Amerika, Afrika und sogar in einigen europäischen Ländern. Ist Tollwut also doch nach wie vor ein Problem?

Von Anfang an hatte Tollwut in meinen Impfseminaren eine Sonderstellung, weil es, wenn es zu einer Ansteckung kommen sollte und kein Impfschutz gegeben ist, eine immer tödlich verlaufende, auf den Menschen übertragbare, anzeigepflichtige Tierseuche ist. Ich spreche dann, wie bei allen Krankheiten gegen die geimpft werden kann, über die Art der Ansteckung, beschreibe die Symptome und weise im Fall der Tollwut darauf hin, dass Deutschland zwar seit 2008 EU-anerkannt als frei gilt, es aber nach wie vor auch bei uns Fälle von infizierten Fledermäusen gibt. Solange Tiere nicht ins Ausland mitgenommen werden, herrscht keine Impfpflicht und es möge bitte jeder selbst individuell für sein Tier entscheiden.

Die meisten wollen zum Thema Tollwut nicht viel hören. Wenn man auf eine Impfung verzichten kann, dann ist es doch Tollwut, oder? Das ist, nicht nur im alternativen Lager, eine inzwischen weit verbreitete Meinung.

Das ist ein putziges Phänomen der Extreme. Entweder es wird blind auf das vertraut, was vom Tierarzt empfohlen wird, oder es wird alles abgelehnt und konsequent ignoriert. Das ist, wenn du mich fragst, fahrlässig für alle Beteiligten und mit ein Grund, warum die Gemüter zwischen Tierärzten und Tierheilpraktikern gern so schnell hochheizen. Gegenseitig wird sich Verantwortungslosigkeit vorgeworfen – aus den unterschiedlichsten Gründen. In beiden Lagern gibt es Hardliner, die prinzipiell alles ablehnen was aus der anderen Ecke kommt. Es gibt Tierheilpraktiker, die empfehlen zum Wohle deines Tieres ganz auf jegliche Chemie zu verzichten, somit selbstverständlich auch aufs Impfen. Und in der anderen Ecke vom Ring stehen Tierärzte, die ihre Impfungen immer noch knallhart jährlich durchziehen. Öhm….das ist nicht weniger gruselig!

Details können anstrengend sein, daher freue ich mich für jedes Tier, wenn der dazugehörige Zweibeiner Zeit in Tiergesundheit investiert. Menschlich dabei ist aber, dass die Info, die du dir bei mir oder einer Kollegin holst, unterbewusst auch in dein Bild passen soll.

Egal, wo du deine Base hast, du hörst gern, was du hören möchtest. Das ist ok. Es ist menschlich und mir geht es, weiß Gott oft genug nicht anders.

Um beim Thema Tollwut zu bleiben: Das Problem und damit das Gefährliche ist, wie so oft, die Pauschalisierung. Deutschland ist frei von Fuchstollwut. Das ist natürlich großartig, aber das ist auch schon alles. Bei Fledermäusen gibt es sie wie gesagt noch, also Obacht bei zutraulichen Fledermäusen, die du tagsüber zu Gesicht bekommst. Jetzt fragst du zu Recht, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass sich dein Hund oder deine Katze bei einer tollwütigen Fledermaus ansteckt. Deshalb soll es hier auch nicht um Fledermäuse gehen, sondern um eine Gefahr, die aus einer ganz anderen Ecke kommt. Nämlich wiedermal aus einer menschlichen.

Den Startschuss für diesen Artikel gab ein Fallbericht von Prof. Dr. Gruber in seinem Buch „Das Kuscheltierdrama“ (aktuell erschienen im Droemer Verlag über das du hier meinen Buchtipp lesen kannst). Ein Tollwutfall, so wie von Gruber berichtet, tatsächlich in Deutschland geschehen und lediglich die bereits eingangs dargelegte Rechtslage wiederspiegelnd. Dieser Fall ist ihm im Rahmen seiner Tätigkeit als Tierpathologe untergekommen:

Ein Pärchen aus Deutschland stolperte im Marokkourlaub über einen niedlichen Welpen, der sich flugs an ihre Fersen heftete, sodass es das Paar nicht übers Herz brachte, dieses Tier zurück zu lassen. Die in Richtung Heimat geforderte Quarantäne wollten sie dem armen kleinen Kerl ersparen, schließlich sah er ganz gesund aus und gegen ein paar Scheinchen war das schnell organisiert. Ein Impfpass wurde auch von irgendwoher ausgestellt und der gemeinsamen Heimreise stand nichts mehr im Weg…

Jaaa, für diese Stelle im Text habe ich für dich Zeit zum Eskalieren eingeplant. Nur zu. Wenn dir danach ist, zeigt das nur, dass du schon ziemlich gut im Film bist.

Wie verantwortungslos können Menschen sein?

Wenn du noch nicht so recht weißt, warum es hier durchaus angezeigt ist, sich die rote Lampe auf den Kopf zu setzen, um damit einmal schreiend ums Haus zu laufen, kommt hier die Auflösung: Marokko liegt in Afrika und Afrika ist nicht frei von Tollwut (und anderen nicht so spaßigen Erregern, aber um die geht es hier jetzt nicht). Quarantänemaßnahmen für, wohin auch immer, ein- bzw. auszuführende Tiere machen daher schon Sinn.

Um es abzukürzen (die Langversion gibt’s im Buch „Das Kuscheltierdrama“): das an der Quarantäne vorbeibugsierte Tier hatte, du ahnst es sicher schon, leider tatsächlich Tollwut.

Diese Seuche gerät bei uns immer mehr in Vergessenheit. Tollwut, was ist das überhaupt?

Unter den Tierseuchen gehört sie zu den besonders fiesen, nicht zuletzt deshalb, weil sie auf den Menschen übertragbar ist. Zudem gibt sie sich nicht gleich über Nacht zu erkennen, sondern entwickelt sich und das auch noch unterschiedlich schnell. Die Inkubationszeit, also die Zeitspanne zwischen Ansteckung und Ausbruch der Krankheit, liegt bei drei bis acht Wochen, in Einzelfällen bei bis zu zwei Jahren. Hierbei ist unter anderem ausschlaggebend, wie groß das Tier ist und an welcher Stelle des Körpers es gebissen wurde. Wird also Tier oder Mensch ins Gesicht gebissen, ist schneller Feierabend, als wenn der Wirt „nur“ den großen Zeh oder den Allerwertesten erwischt hat, denn das Ziel des Virus ist das Gehirn. Ein infiziertes Tier mutiert also nicht über Nacht zum meuchelnden, sabbernden Monster.

Im Fall des niedlichen, marokkanischen Welpen kannst du natürlich anführen, dass dieses dümmliche Verhalten der Touristen dich gar nichts angeht. Falsch. Denn bis jemand darüber stolperte, dass mit dem Marokko-Tier etwas ganz und gar nicht stimmt, war der kleine Wildfang zum Zeigen und Kennenlernen schon durch´s gesamte Wohngebiet getourt. Irgendwann war dann der Punkt erreicht, an dem die ganze Sache kippte und das, sich mehr und mehr zum Negativen verändernde, Verhalten des Junghundes einen Tierarzt auf den Plan rief, der mit Blick auf die Herkunft und den sonderbar anmutenden Impfpass den Tollwutverdacht verkündete. Das Ende vom Lied war, dass alle Tiere aus der Nachbarschaft, die mit diesem Hund Kontakt hatten und keinen lückenlosen Tollwutimpfstatus vorweisen konnten, gemäß der aktuellen Tollwutverordnung einkassiert wurden. Im Unterschied zu Afrika hilft in Deutschland dann kein Geld und keine guten Worte. Für die vorgeschriebene Notimpfung der Halter und deren Kinder selbst, gab es vor Ort nicht ausreichend Impfstoff, also wurden alle per gechartertem Busunternehmen in die nächste Uniklinik kutschiert, die über genügend Reserven verfügte. Die Kosten hatte das Ehepaar zu tragen. Himmel, was für ein Aufwand.

Völlig übertrieben? Nein, auf keinen Fall. Tollwut ist immer tödlich!

So. Was will ich dir nun damit sagen? Sicherlich kannst du dich nur schwer gegen alle Unsicherheiten, Widrigkeiten und Katastrophen, die dir und deinem Tier widerfahren können, absichern. Es ist deine Entscheidung, wo du die jeweilige Grenze ziehst. Aber hättest du gedacht, dass die Fehlentscheidung von zwei Touristen solch ein Szenario nach sich zieht?

Naja, andererseits: wie war das noch mit der Schuld und dem ersten Stein? Dieses Ehepaar hat es nur gut gemeint und wollte dem kleinen Kerl die Quarantäne ersparen. Aus Liebe zum Tier und nicht, weil sie vorsätzlich ihre Nachbarschaft ausrotten wollten. Sie haben aus vermeintlicher Tierliebe gehandelt. In diesem Fall selten dämlich kanalisiert, aber bestimmt gut gemeint.

Wo hört Tierliebe auf und wo fängt Fahrlässigkeit an?

Nach meinem Verständnis passiert etwas derartiges jedoch nicht aus der hochgelobten Tierliebe, sondern schlicht und einfach, weil man das eigene schlechte Gewissen nicht aushält. Den Welpen in Marokko in Quarantäne zu geben, wäre tierlieb gewesen. Zumindest, wenn man Tierliebe auch mit ernsthaft angenommener Verantwortung dem Tier gegenüber definiert.

Tatsache ist, dass es bei uns per Gesetz keine generelle Impfpflicht gibt – auch wenn dein Tierarzt vielleicht etwas anderes behauptet. Es gibt Leitlinien der „Ständigen Impfkommision Veterinärmedizin“ (StIKo Vet) an der sich die Tierärzte orientieren (sollten), aber kein Gesetz. Es sei denn, du verlässt mit deinem Tier das Land. Dann brauchst du je nach Ziel bestimmte Impfungen, die gegen Tollwut in jedem Fall. Über die Sinnhaftigkeit dessen lässt sich sicher streiten. Vor allem vor dem Hintergrund, dass nicht ein einziger EU-Staat eine Impfpflicht für Tollwut ausweist, es aber sehr wohl eine Impfpflicht für dein Tier gibt, sobald du von einem EU-Staat in den nächsten hüpfst. Das wird aber in dem Moment, in dem der Amtstierarzt bei dir klingelt, um einen Tollwutverdacht in der Nachbarschaft zu verkünden, zur Haarspalterei. Und völlig irrelevant, denn, nochmal für´s Protokoll: wenn du für dein Tier dann keinen lückenlosen Impfstatus vorweisen kannst, musst du dich von deinem Tier verabschieden.

Du entscheidest selbstverständlich selbst, ob du gegen Tollwut impfen lässt oder nicht, aber bei so einer Entscheidung solltest du alle Fakten kennen.

Wie der Marokko-Welpe zeigt, geht es in so einem Fall, wie ihn Gruber in seinem Buch „Das Kuscheltierdrama“ beschreibt, einzig und allein um die Gesetzeslage im Seuchenschutz!

Die Welt wird immer kleiner und weder machen Wölfe und Wildschweine an Landesgrenzen halt, noch werden blinde tierische Passagiere auf Transportmitteln auf Seuchen kontrolliert. Das ist keine Panikmache sondern Realität. Wir können es uns nicht mehr leisten, Krankheiten, die bei uns nicht zuhause sind zu ignorieren und die Vorsorge dahingehend schleifen zu lassen. Zumindest sollte sie dergestalt sein, dass du informiert bist. Wenn du für dein Tier entschieden hast, dass es aus good old Germany Zeit seines Lebens nicht raus kommt, heißt das nicht, dass es nicht mit Tieren in Kontakt kommt, die mit Herrchen und Frauchen im Vielfliegerklub sind oder eben solchen, die aus irgendeinem Urlaubsland mitgebracht werden. Mit besten Absichten.

Auslandshunde sind voll im Trend. Deshalb reagieren einige Tierärzte auch so aggressiv, wenn wir kritisch bis gar nicht impfen lassen. Sie sehen am ehesten das mitgebrachte Leid auf ihren Tischen. Die Lösung ist bestimmt nicht, sicherheitshalber einfach alles zu impfen, was möglich ist und über kranke, nicht geimpfte Tiere zu schimpfen. Aufklärung heißt das Zauberwort. Immer und immer wieder. Ist oft nicht weniger anstrengend als Schimpfen aber produktiver. Und wofür? Wie immer: Für eine gut informierte eigenverantwortliche Entscheidung zum Wohle deines Tieres.

Lass es deinem Tier gut gehen!

Claudia

Zum Nachlesen der ganzen Geschichte:
Das Kuscheltierdrama, Droemer Verlag
Prof. Dr. Achim Gruber