Maulkörbe verfolgen mich im Moment. Anscheinend möchte das Universum, dass ich mich nach acht Jahren Hundehaltung endlich mit dem Thema auseinandersetze. Los geht´s:

Es fing vor ein paar Wochen an, als ich mit einer guten Freundin zu einem Hundespaziergang verabredet war. Sie hatte kürzlich einen Hund aus dem Tierschutz übernommen und ich war natürlich neugierig und wollte ihn unbedingt kennenlernen. Endlich hat sie auch einen Hund! Willkommen im Klub. Am Telefon hatte sie mich schon vorgewarnt, er wäre ein wenig verhaltenskreativ und ich solle mich nicht einschüchtern lassen. Eigentlich wäre er ein ganz Lieber, er habe es nur nicht so mit Fremden. Jep, alles klar, immer her mit den jungen Wilden, ich will ja schließlich Trainerin werden, dachte ich. Das wird schon. Bei unserem ersten Date war der kleine Kerl (40kg Lebendgewicht) dann auch gleich so begeistert von mir, dass er mich eigentlich gar nicht aus dem Auto aussteigen lassen wollte. Er hing in der Leine, meine Freundin hatte Mühe ihn zu halten, er gab alles, machte mega laut UND er trug einen Maulkorb. Mein erster ImPULS?…. Ja, Puls ist das Stichwort, ich hatte nämlich sofort welchen. Aber hallo!

Maulkörbe machen etwas mit mir, ob ich will oder nicht. Geht es dir auch so?

Ich bin erstmal im Auto sitzen geblieben, habe geatmet und mir das Kerlchen ein wenig genauer angeguckt. Schnell war klar, dass da überhaupt keine Gefahr im Verzug war. Da war ein total unsicherer, überforderter Hund, der sich die größte Mühe gab, möglichst beeindruckend rüberzukommen. Und meine Freundin, die Ersthundbesitzerin? Die hat mich mit meiner ach so langen Hundeerfahrung kräftig abgewatscht. Als ich ausstieg, begrüßte sie mich mit den Worten: „Ich weiß, er sieht so böse aus mit dem Ding, aber der ist nur zur Vorsicht, weil ich ihn noch nicht richtig einschätzen kann. Maulkorbtraining haben wir deshalb gleich als Erstes gemacht.“ Bähm! Das saß. Mein Ich-hab-ja-schon-viel-länger-Hunde-als-du-und-kann-dir-bestimmt-noch-ein-paar-Tipps-geben-Ego war empfindlich getroffen. Verdammt. Und wie geil von meiner Freundin, oder? Alles richtig gemacht!

Seitdem wälze ich das Thema Maulkorb im Kopf. Obwohl ich immer im Brustton der Überzeugung behaupten würde, dass ich keine Angst vor Hunden habe, war ich trotzdem schwer beeindruckt vom Anblick dieses pöbelnden Hundes. Das Drahtgestell hat mich kalt erwischt. Ich bin überzeugt davon, dass mein erster Eindruck ein anderer gewesen wäre, hätte er keinen Maulkorb getragen. So ein Quatsch! Als würde der Maulkorb die nächsthöhere Gefahrenstufe auf den Hund übertragen. Wie geht es dann erst Nicht-Hundemenschen? Oder Nicht-Hundemenschen, die selbst beim Anblick von frisch frisierten Pudeln schon die Angst packt?

Der Maulkorb hat ein Imageproblem!

Da machste nix. Wenn ein Hund so ein Ding trägt, muss er ja gefährlich sein. Der muss ja schon gebissen haben, wahrscheinlich sogar Kinder, sonst würde er so ein Ding ja nicht tragen. Hm…

Dabei macht es total Sinn mit Maulkorb zu arbeiten. Bei mir ums Eck wohnt eine junge Frau, ebenfalls frischgebackene Hundehalterin, der Hund ebenfalls second-hand und ähnlich verhaltenskreativ. Sie erzählte mir, Spaziergänge seien leider nicht so witzig. Er hat zwar mit fremden Menschen kein Problem, dafür mit fremden Hunden, rastet bei Begegnungen komplett aus und hat in einer solchen Situation auch schon mal geschnappt. Nach ihr, nicht nach der zu Trainingszwecken dargebotenen Fleischwurst. Nun hat sie Angst vor´m eigenen Hund und tritt den Rückzug an, sobald sie am Horizont einen anderen Hund erspäht. Sie vermeidet auch jegliche Diskussion mit ihrem Vierbeiner, aus Angst, dass er wieder schnappt. Ich, geläutert durch das Treffen mit meiner Freundin, habe sie gefragt, ob sie schon mal über einen Maulkorb nachgedacht hätte. Dann könnte sie immerhin sicher sein, dass nicht irgendwann ein Finger fehlt und dementsprechend anders aufgestellt in so eine Situation gehen. Sie möchte aber nicht mit Maulkorb arbeiten. Es war ja auch gar nicht so schlimm, als er geschnappt hat, gab nur einen blauen Fleck und er konnte auch eigentlich gar nix dafür. Außerdem sieht er mit dem Ding ja noch gefährlicher aus und es ist so schon schwierig mit den Nachbarn. Puh. Krass, oder? Aber ich kann sie total verstehen.

Maulkörbe sind böse, die dazugehörigen Hunde erst recht und die Halter dazu vielleicht auch ein kleines bisschen assi.

Man weiß es nicht genau. Diese brutal aussehenden Draht- oder Hartplastikkonstrukte kennt man doch eigentlich nur aus TV-Reportagen über gewisse Milieus. Jedenfalls in meiner Wahlheimat auf dem platten Land.

Meine eigene Hundehalterkarriere hatte auch noch nicht viel Berührung mit diesen Dingern. Ich kann mich nicht erinnern, dass das in der Hundeschule mal dran war und wenn, dann wahrscheinlich als Zusatzangebot, das ich für mich und meinen Hund nicht für notwendig erachtet habe. Wir haben es hier hinter`m Deich nicht so sehr mit öffentlichen Verkehrsmitteln und mein Labrador liebt, Zeit seines Lebens alle potenziellen Keksspender und Spielbuddies und bewegt sich stets und ständig sowohl auf fremde Hunde als auch auf fremde Menschen wie eine komplett in sich wedelnde Gummiwurst zu. Da kommt einem das Thema Drahtgestell Modell Baskerville auch eher nicht in den Sinn.

Bei meinem Bordertier sieht die Sachlage schon anders aus. Der ist sehr unsicher und wählerisch was Bekanntschaften angeht. Er ist bei fremden Zwei- und Vierbeinern eher das Modell Rühr-mich-nicht-an. Ist halt ein echtes Landei. Wat de Buer nich kennt… Bei dem würde ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Solange er rückwärts kann, würde er diesen Weg auch wählen. Sollte er irgendwann mal mit dem Mors an der Wand stehen… ich weiß nicht… Und trotzdem habe ich NOCH NIE Maulkorbtraining gemacht. Warum denn nur?

Warum wird das Ding erst gekauft, wenn´s geknallt hat und nicht schon um Situationen zu entspannen (für wen auch immer)?

Ich finde, es ist an der Zeit, den Maulkorb aus seiner Schmuddelecke rauszuholen und mache mir eine gedankliche Notiz für meine zukünftige Trainertätigkeit – unbedingt Maulkorbtraining anbieten und den Haltern helfen Berührungsängste mit dem Thema zu überwinden. Check.

Es gibt einfach immer wieder Dinge in der Hundewelt, da sind wir nicht objektiv, da steuert uns das Gefühl. Ob man will oder nicht und, wie ich selber gerade wieder festgestellt habe, häufig komplett unterbewusst. Unsere Hunde sind nun mal Familienangehörige. Da läuft es halt vorrangig über´s Gefühl und nicht über den Verstand.

Es ist noch gar nicht sooo lange her, da haben wir Hunde ausschließlich zweckgebunden gehalten. Hatte man einen großen Hof, gab es einen Wachhund, war man in der örtlichen Jägerschaft aktiv, hielt man sich einen Jagdhund usw. Unsere Hunde wurden für das „angeschafft“ und gehalten, wozu sie auch gezüchtet wurden, wozu man sie brauchte und praktischer Weise, war so die Auslastung der Tiere auch kein Hexenwerk, denn sie waren ja täglich „in der Arbeit“. Einen Hund hatte man nicht für Qualitytime, knuddeln und knutschen. Der Hund war zum Arbeiten da und hat einen Zweck erfüllt. Aus die Maus.

Unsere „moderne“ Hundehaltung hat sich im Vergleich zum Umgang mit den früheren Arbeitshunden dramatisch verändert.

Wir suchen uns unseren felligen Gefährten heute nicht mehr danach aus, was der Hund rassetypisch an Spezifikationen mitbringt, sondern danach was uns optisch gefällt. Wir schaffen uns einen Hund an, weil wir eine gute Zeit zusammen verbringen wollen. Da kann die zuchtbedingte Attitüde bei der Auswahl schon mal hinten runterfallen. Es soll vielleicht einer sein, der nicht so groß und schwer wird und haaren soll er auch nicht so dolle und schön wäre auch… naja, du weißt was ich meine. Diese Überlegungen kennen wir alle. Hundezeitschriften attestieren in ihren Rasseportraits inzwischen fast jedem Hund die Familientauglichkeit und der Aufwand, der je nach Rasse betrieben werden muss, um diese zu erreichen, wird in blumigen Umschreibungen in Nebensätze gepackt.

Damit einhergehend haben sich die Anforderungen an unsere Hunde komplett verlagert. Sie sind Familienmitglied, Lebenspartner oder Kinderersatz. Und sie müssen mit. Überall hin. In den Zoo, zum Picknick, in den Urlaub und ins Café. Und dabei kommt jeder Hund mit einem ganz eigenen Nervenkostüm daher. Für manche ist das schlicht nichts. Manche sind komplett überfordert, reizüberflutet, verunsichert. Außerdem gibt es einen tierischen Run auf Auslandstierschutzhunde, die naturgemäß mit ganz anderen Baustellen bei uns einziehen als der Labbi im Welpenalter vom Züchter. Da sind wir mehr denn je gefragt, dem Hund als verlässlicher Partner zur Seite zu stehen, wenn´s mal brenzlig wird. Und wenn uns selbst als Hundehalter in solch einer Situation der Maulkorb mehr Sicherheit gibt und wir so dem Hund wiederum mehr Sicherheit vermitteln können? Ja, warum denn nicht?

Ich hab´ jetzt jedenfalls einen bestellt. Modell Baskerville Ultra.

 

Lass es dir und deinem Hund gut gehen!

Von Herzen tierische Grüße

Claudia

 

P.S. Ja, ich weiß, dass der Maulkorb auf dem Bild nicht optimal sitzt. Das ist ein Thema für einen anderen Artikel. 🙂

Copyright © Claudia Barkow

 

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