Dieser Tage werde ich täglich daran erinnert, warum ich Tiere so viel lieber mag als Menschen.

Covid-19 ist nicht witzig und diese Zeilen sollen nicht dazu dienen, sich über das Virus oder die Tatsache, dass weltweit Menschen, wahrscheinlich letzten Endes vor allem durch medizinische Versorgungsengpässe, um´s Leben kommen, lustig zu machen. Ich möchte mich nicht darüber auslassen, ob es alles Panikmache ist und wir uns eigentlich lieber „anständig hätten durchseuchen lassen sollen“. Das kann ich nicht beurteilen.

Ich glaube allerdings, dass das RKI das genauso wenig beurteilen kann.

Ich gebe zu, ich habe das Ganze am Anfang auch belächelt. Herr Spahn, mein Freund, hab ich gedacht, das kommt dir ja gelegen. Pflichtimpfungen für´s Volk! Ich bin ja eine von denen, die sich nicht gegen Grippe impfen lässt und das können wir auch gern mal diskutieren (bei anderer Gelegenheit). Deswegen dachte ich anfangs auch, meine Güte, was stellt ihr euch alle an? Wisst ihr wie viele Grippetote es JEDES JAHR allein in Deutschland gibt? Und wisst ihr wie viele Kinder JEDEN TAG an Unterernährung sterben? Warum regt uns das denn nicht auf? Im Hundetraining gibt es dafür einen Begriff: die Desensibilisierung. Grob umrissen: Man nehme einen Hund und einen Reiz, der ihn stört. Wenn wir nun diesen Hund mit diesem Reiz konfrontieren und den „Ablenkungspegel“ hochfahren, tritt irgendwann ein Gewöhnungseffekt ein. (Da sind viele Zwischenschritte weggelassen, bitte so nicht nachmachen.)

Unsere Wohlstandgesellschaft hat verlernt mit Krisen umzugehen, wie es scheint. Kontaktsperre, FFP2, Desinfektion, Klopapierengpässe. Die Massenhysterie schielt schon um die Ecke. Was ist gehypte Medienhysterie und was ist noch echt? Dabei sind wir doch soooo aufgeklärt, oder nicht? So modern. Jep. Und gerade das macht mir Sorgen. Wir sind so modern, dass wir uns nur noch über das zu definieren scheinen, was im Netz passiert oder (für die Konservativen unter uns),was uns um 20 Uhr jeden Abend im TV serviert wird.

Denkt auch nochmal jemand selber?

Und nur weil jetzt alle im Netz darüber schimpfen, dass (zum Beispiel) unsere Pflegekräfte oder unser Einzelhandel total überlastet und unterbezahlt sind, wird doch nichts besser. Mal im Ernst, das waren sie vor Corona doch auch schon und es hat keine Sau interessiert. Aber jetzt ist es grade besonders schick, oder? Wenn die Krise vorüber ist, ist die Kassiererin an der Supermarktkasse wieder nur ne blöde Kuh und die Pflegekräfte hätten ja schließlich auch was anderes lernen können. Oder wie?

Das Internet ist in den letzten Wochen explodiert. Ich bin jeden Tag drauf und dran all meine Accounts zu löschen, weil nur das Stummschalten von irrelevantem Schwachsinn schon so viel Zeit in Anspruch nimmt und den Algorithmen sei Dank, die Dinge ,die mich interessieren, noch weniger zu mir durchdringen als sonst. Jeder hat jetzt zu allem was zu sagen. Also noch mehr als üblich. Online. Muss ja, wir dürfen uns ja nicht besuchen. In Livestreams und Watchpartys und Webinaren. Endzeitstimmung. Jetzt noch schnell lernen, wie Zoom funktioniert, jetzt noch schnell die richtigen Öle für das gestresste Tier finden, weil der Chihuahua nicht damit zurecht kommt, dass wir jetzt den ganzen Tag zuhause sind. Im Ernst?

Wir sind aber schon länger immer mal wieder falsch abgebogen und haben uns so richtig verfranzt, oder?

Dieses Virus scheint alle Absurditäten, die die moderne Gesellschaft so zu bieten hat, zu bündeln und ans Licht zu zerren. Wir befinden uns (noch) nicht im (Bürger)Krieg und wirkliche Versorgungsengpässe gibt es nicht. GIBT. ES. NICHT. NIHIICHT! Warum also drehen alle so durch? Ja, da ist ein Virus und ja da sind Tote und ich möchte das Fass mit den Dunkelziffern und der fragwürdigen Bestimmung und Addition von auftretenden Fällen gar nicht zum Thema machen. Damit sind alle anderen ja schon sehr beschäftigt. Es wurde schon alles gesagt, nur noch nicht von jedem. Oder so.

Aber wisst ihr was? Wisst ihr was im Netz fehlt? So richtig fehlt? Die Stimmen der Alten! Die Stimmen derer, die schon ganz andere Sachen überstanden haben. Meine Oma (Jahrgang 1936) hat die letzten Jahre ihres Lebens gern gesagt: „Wenn wir nicht mehr da sind, kann euch keiner mehr davon erzählen, was wirklich schlimm ist. Ihr seid doch alle Weicheier.“. Recht hatte sie. Was haben wir denn auszustehen? Wir sollen in unseren gut isolierten Wohnungen mit hervorragenden sanitären Einrichtungen, mit fließend Warmwasser und Strom rund um die Uhr, bei gefülltem Kühlschrank und Home-Entertainment-Systemen, auf die manches Dorfkino neidisch wäre, Ruhe bewahren und wenn wir aus der Tür gehen, um Dinge des täglichen Bedarfs (Klopapier, Nudeln, Mehl) zu kaufen, Abstand zu unseren Mitmenschen halten. Die erste Woche Kontaktsperre in Schleswig-Holstein ist rum und die Medien fangen schon an Einspieler zu bringen, in denen die Kanzlerin darauf hinweist, dass es noch zu früh ist, die Maßnahmen zu lockern. Äh what? Ja klar ist es noch zu früh. Nächste Woche kommt ja noch die zweite von den beiden angekündigten Wochen. Und eventuell gibt´s auch noch`n Nachschlag. Gibt es wohl wirklich Menschen, die jetzt schon wissen wollen, wann sie bitte schön endlich wieder im Rudel nach draußen können? Unsere Fähigkeit mal was auszuhalten haben wir in unserem gepamperten Überflussdasein anscheinend komplett verloren. Was sollen denn die ganzen Mittelständler sagen, denen jetzt so richtig der Arsch auf Grundeis geht? Die Gründer, die Jungunternehmer, die Gastronomen…. to be continued. Man, es geht um Existenzen!

Wer keine anderen Sorgen hat als Klopapier und WatchPartys muss wirklich viel Luft zwischen den Ohren haben.

Reißt euch mal zusammen. Diese Zeit kann doch auch eine große Chance für jeden Einzelnen sein. Erzwungene Entschleunigung bis hin zum Stillstand kann man sich auch nutzbar machen. Offline, will sagen ANALOG. Wisst ihr, was das ist? Am offenen Fenster, auf dem Balkon oder (wer den Luxus hat) im eigenen Garten.

Ich hätte nie gedacht, dass wir so eine Krise auf diese Art und Weise mal erleben und ich weiß nicht, was davon gerechtfertigt ist und was übertrieben. Aber ich weiß, dass sie uns all unsere Versäumnisse aufzeigt und die Lösungen dafür liegen NICHT im Internet.

Also #staythefuckathome, schaut zur Abwechslung mal gen Himmel oder in Blumenbeete oder Ameisenhaufen (nur zu zweit!) als auf den Bildschirm und #reißteuchzusammen.

 

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